Notizen (37)

Im Dunkel glimmen Zigaretten auf, schartig und glutrot wie die offenen Hälse einer vielköpfigen Hydra. Aschgraue Aschenbecher in der schwarzen Hartplastikarmatur. Rot leuchtet ein Ring um den Zigarettenanzünder und erinnert an ein futuristisches Kondom mit Erdbeergeschmack. Lippenstifterne Münder legen sich an Flaschenhälse. Eine Hand dreht am Autoradio, Asche rieselt auf die Konsole. Angezurrte Handbremse, abschüssiger Trampelpfad. Wer nicht mehr trinkt oder auf den nächsten Kuss oder die nächste verirrte Hand hofft, steigt aus und vertritt sich die Beine. Die Scheinwerfer schlagen eine fahle Schneise in den Wald, nur wenige Meter weit, in der Insekten in erratischen Bewegungen tanzen wie auf Zelluloid gebannte Staubkörner. Dahinter stehen die Bäume schweigend und kalt. Unbemerkt von den Anderen ein paar Schritte zwischen ihre Stämme, von einem trockenen Laubteppich kommentiert, ungelenke Bewegungen, Rinde auf Haut, knisternder, mit klammen Fingern herangezogener Jackenstoff, herangezogenes Unglück, herangezogene Kinder, die wir haben werden, wenn wir in einem Mehrfamilienhaus im Wiesental wohnen werden, in einer Wohnung im Erdgeschoss oder im ersten Obergeschoss eines dieser zweigeschossigen Häuser, auf deren Dachboden wir früher Verheiratet sein spielten, Vater und Mutter sein spielten, wo wir Alt werden und sterben spielten. Jetzt werden wir die alten Möbel aus den Zimmern und in den Transporter deines Vaters räumen. Wir werden das Zimmer der Kinder streichen, pink oder blau oder beidfarbig. Wir werden den Kindern zuerst die Windel und dann den Nuki Schnuller entwöhnen. Wir werden sie in denselben Kindergarten bringen, in den bereits wir gegangen sind. Die ersten Male werden wir mit hineingehen, dann nicht mehr. Abschied nehmen sei nie leicht, werden wir den anderen Eltern am Kindergartentor sagen, und sie werden uns beipflichten, damit wir uns verstanden fühlen. Wir werden unsere Bedürfnisse hintanstellen. Wir werden einander versprechen, uns nur noch heimlich zu streiten, oder jeder für sich. Wir werden einander besser verstehen lernen. Wir werden in der Lage sein, den Kindern gegenüber mit einer Stimme zu sprechen. Wir werden wissen, wann einer von uns in die Haushaltskasse greift, und wir werden verstehen, wozu. Wir werden die Briefe der Bank und der Versicherung öffnen, sobald wir sie erhalten. Wir werden vernünftige Entscheidungen treffen. Wir werden den Kindern ein Haustier besorgen, damit sie lernen, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Sobald sie lange genug still sitzen können, werden wir mit ihnen in die Kirche gehen, damit sie lernen, dass nicht das ganze Leben aus vernünftigen Entscheidungen besteht. Wir werden wissen, was zu tun ist. Den Kindern werden wir Dinge aus den Händen nehmen, wie wir ihnen Spreißel aus den Fingern ziehen werden: einfühlsam, aber bestimmt. Vor dem Essen werden wir sie zum Händewaschen ins Bad schicken. Wir werden darauf achten, dass sie an die frische Luft kommen. Wir werden die Kinder vom Boden aufheben, sie aufrecht hinstellen und ihnen den Dreck abklopfen. Den Entgegenkommenden werden wir zulächeln und sagen, ein bisschen Dreck sei gesund, Dorferde mache schön. Auf der Straße werden wir die anderen Eltern grüßen oder ihnen zumindest zunicken, denn wir werden uns ihnen verbunden fühlen. Wir werden ihre Einladungen annehmen, wenn wir sie nicht ausschlagen können. Wir werden unsere Kinder mit ihren Kindern befreunden. Unsere Wohnung werden wir bald als zu klein für Besuch empfinden. Wir werden uns zurückziehen und uns mehr Platz dafür wünschen. Früher oder später werden wir für das Haustier der Kinder einen Garten brauchen. Am Judenbuckel werden wir ein Grundstück kaufen und Heimplätze für deine Eltern beantragen, in der Stadt, in einem Heim mit guten Parkmöglichkeiten. Wir werden deine Eltern besuchen und die Kinder mitnehmen, damit wir ihnen danach in der Stadt neue Schuhe kaufen können. Wir werden die alten Möbel aus dem Haus deiner Eltern holen und in den Flur stellen, um Ablageflächen für die eintreffenden Briefe zu schaffen. Für das Haustier der Kinder werden wir einen Platz im Garten finden. Früher oder später werden wir die Möbel Besuchern gegenüber als Erbstücke bezeichnen. Wir werden uns über die Belegung des Gottesackers informieren. Mit den Kindern werden wir das Grab deiner Eltern besuchen. Wir werden einander bei unterschiedlichen Verrichtungen im Flur begegnen und manchmal innehalten.
Du könntest mich schwängern, aus Spiel.
Unter den Häuptern verschwiegener Bäume markiert der Samenerguss das Revier. Sacht schließt das Automobil den Reißverschluss der Landstraße. Ein Blick nach hinten auf die Rückbank, alles ist gut, der heilige Christopher fährt mit.

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