Tagebuch (10)

Als wenn es so einfach wäre: im Schneidersitz auf der Wiese sitzen, die Sonnenstrahlen, vom Spiegel des Badesees reflektiert, als Ahnung im Augenwinkel – und dann, den Blick gesenkt und mit den Händen im von Beinen und Schoß geformten Bermudadreieck arbeitend, im Reden die Fotografien entwickeln, die ich in der Kapelle gemacht habe, Magdeleine und Keltermann in diesem schon vergehenden, sich auflösenden Augenblick von ewigen Stifterfiguren und Schmerzensmännern zu erzählen, als wäre in diesen Fotografien – die noch lediglich Möglichkeit sind, die Wirklichkeit ins Gegenteil kehrend – etwas festgehalten, in der Art, in der man im Schreiben etwas festhält. Als befände sich in meiner Tasche etwas, das mehr Beständigkeit und somit mehr Wert besitze als die unruhigen Bewegungen, mit denen Keltermann vor Freude quietschende Grashalme aus der Wiese zupft und zwischen den Fingern zerdreht.

Auch Einsamkeit, denke ich mir, ist ein Gefühl, das man auskosten kann, in dem man sich selbst finden kann; man muss sie nur zulassen, die Einsamkeit, darf sie nicht überdecken mit einem schimmernden Film aus Worten, Gesten, dem verführerisch leichten Mienenspiel der Gesichtsmuskulatur, das ein Reden oder ein Lächeln bedingt.

Auf der Rückfahrt finden wir eine Gaststätte, in der Licht brennt, Keltermann und Magdeleine begutachten die Karte, ich lasse mir von der Wirtin den Telefonapparat zeigen.

Eine Fotografie zeigte eine Reihe zum Trocknen an Haken aufgehängter Schweinefüße und hing einige Zeit an der Wand, an die ich irgendwann meinen Schreibtisch gerückt hatte; ich sah sie beim Schreiben und beim Denken, in den Pausen, während derer die geduldige wie ausdauernde Schreibmaschine ihre stepptanzenden Typenhebel ausruhen und ich in die vermeintliche Leere starren durfte. Ich hatte den Schreibtisch an die Wand, gegen die ich von da ab anschrieb, geschoben und kurz darauf die Fotografie dort aufgehängt, damit sie mir etwas ins Bewusstsein rufen konnte, an das ich mich nicht mehr erinnere.
Nicht Gänse-, sondern Schweinefüße erinnern die Anführungszeichen, die ich ins Notizbuch eintrage, »Wir werden uns nicht mehr sehen«, hatte die Mutter gesagt, wie jedes Mal, wenn ich mich von ihr verabschiede; ich hatte im Umdrehen noch ihren Kopf ins blumengemusterte Kissen sinken sehen, bevor ich das Haus verlassen und mich ins Auto gesetzt hatte, um Magdeleine und Keltermann abzuholen.

Ich streiche den Satz und die Anführungszeichen wieder aus, lege den Füllfederhalter aus der Hand, in die ich den Telefonhörer wechsle und noch höre, wie die Kusine sagt, sie habe sich in der Stube der Mutter einen provisorischen Schlafplatz eingerichtet, hinzufügt, man könne ja nie wissen.

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