{"id":94,"date":"2014-12-11T19:10:23","date_gmt":"2014-12-11T18:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=94"},"modified":"2014-12-11T06:37:53","modified_gmt":"2014-12-11T05:37:53","slug":"tagebuch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=94","title":{"rendered":"Tagebuch (2)"},"content":{"rendered":"<p>Unter Glockenl\u00e4uten, gel\u00e4utert, str\u00f6men sie in die Kirche, neugierig be\u00e4ugt sie das ungehobelte Jesuskind unter Wimpern, in denen noch die S\u00e4gesp\u00e4ne kleben. Sie tauchen spitze Finger ins Weihwasserbecken und malen sich das Kreuzzeichen auf die Stirn, f\u00fchren die Fingerkuppen zur Nase und atmen f\u00fcr einen Moment den zugleich bei\u00dfenden und bet\u00f6renden Geruch von Benzin ein.<\/p>\n<p>Eine seltsame Stimmung \u00fcberkommt die Anwesenden und l\u00f6st sich nach und nach in Wohlgefallen auf, schon gen\u00fcgen den Ersten die Fingerkuppen nicht mehr, sie tauchen die ganze Hand ins Weihwasserbecken oder ber\u00fchren im Vorbeigehen mit nassen Patscheh\u00e4nden die Zehen des Jesuskindes, nein, es ist nicht kitzelig, es bleibt stumm und presst die Lippen aufeinander, dennoch breitet sich, anfangs kaum h\u00f6rbar, ein Kichern im Kirchenraum aus, schwillt zu einem lauthalsigen Lachen an, das von den W\u00e4nden widerhallt und im Kreuzgang echot; dem Jesuskind bl\u00e4ttert die Farbe von den lackierten Zehenn\u00e4geln, der Pfarrer, das sch\u00fcttere Haar in wirren Str\u00e4hnen und ein irres Funkeln in den Augen, taucht einen Rosshaarpinsel in einen Eimer Bondex Holzlasur und schreitet unter einer Litanei von Segnungen die aufgereihten Benzinkanister ab, den Pinsel wie einen Weihwassersprenger in die Luft sto\u00dfend. Man greift sich Kanister um Kanister und beginnt damit, das Kirchenmobiliar zu segnen, wie begossene Pudel stehen die heiligen Schnitzfiguren in ihren Mauernischen, ein \u00f6liger Film rinnt ihnen vom Haupt bis an die F\u00fc\u00dfe, sammelt sich am Sockel in schillernden Pf\u00fctzen. Erste Spritzer erreichen die Empore und ziehen dunkle Schlieren \u00fcber die kassettierte Holzdecke. Ein Rinnsal klettert \u00fcber die Stufen der Kirchentreppe nach unten und sammelt sich auf dem Trottoir, zeichnet ein m\u00e4anderndes Muster ins Pflaster, schwillt zu einem Bach an, der die Dorfstra\u00dfe hinunterl\u00e4uft und in den Holzweg hinein, zum Wiesental hinaus, wo das Kind in mir auf der gefrorenen Erde sitzt und mit einer Z\u00fcndholzschachtel hantiert, den vor ihm im Gras aufgebahrten Heuschrecken F\u00fcrbittkerzen abbrennt, um die Totenruhe zu st\u00f6ren, den Gottesacker aufw\u00fchlen zu lassen von heuschreckenk\u00f6pfigen Gestalten, die sich vor lauter Lachen die B\u00e4uche halten und sich in ihren Gr\u00e4bern hin und her werfen \u2013 sie, denen man f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit einem Nelkenstrau\u00df das z\u00e4hneklappernde Maul stopft, soll keiner mehr totschweigen k\u00f6nnen. Eine Benzinlache bildet sich zu F\u00fc\u00dfen des Kindes in mir, das mit dem Feuer spielt und die Hymne der Z\u00fcndholzfabrik summt, \u00bbSchwef\u2019lhelzle, Schwef\u2019lhelzle muss mer han, dass mer alle Agenblick a Feuer machen kann.\u00ab<\/p>\n<p>Ich sitze in der Kirchenbank und blicke zum Heiland, den sie f\u00fcr den heutigen Tag schick gemacht haben \u2013 die Lumpen, die man hinterm Schuppen gefunden hatte, haben sie ihm um die magers\u00fcchtigen H\u00fcften gewickelt und unter dem festen, gebl\u00e4hten B\u00e4uchlein verknotet. Etwas stiehlt sich in seine Leichenbittermiene, er riecht Lunte, r\u00fcmpft die Nase und verdreht die Augen, l\u00e4sst seine Pupillen auf Grund laufen, versenkt sie im Schilf seiner Wimpern. Feuer frei, wenn ihr das Wei\u00dfe in den Augen seht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Glockenl\u00e4uten, gel\u00e4utert, str\u00f6men sie in die Kirche, neugierig be\u00e4ugt sie das ungehobelte Jesuskind unter Wimpern, in denen noch die S\u00e4gesp\u00e4ne kleben. Sie tauchen spitze Finger ins Weihwasserbecken und malen sich das Kreuzzeichen auf die Stirn, f\u00fchren die Fingerkuppen zur Nase und atmen f\u00fcr einen Moment den zugleich bei\u00dfenden und bet\u00f6renden Geruch von Benzin ein. 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