{"id":483,"date":"2015-03-27T19:10:43","date_gmt":"2015-03-27T18:10:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=483"},"modified":"2015-03-27T19:35:59","modified_gmt":"2015-03-27T18:35:59","slug":"tagebuch-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=483","title":{"rendered":"Tagebuch (13)"},"content":{"rendered":"<p>Der dritte Tag beginnt noch vor dem Morgengrauen.<br \/>\nIch sitze an einem Schreibtisch, der nicht meiner ist, und sp\u00fcre Magdeleine und Keltermann in meinem R\u00fccken schlafen, und mit jeder Minute tropfen Gedanken in einer angenehmen und zugleich besorgniserregenden Langsamkeit in die Quadrate des Rasters, das unsere Pl\u00e4ne, die meine sind, bereits \u00fcber den anbrechenden Tag gelegt haben. Mein Blick h\u00e4ngt den fallenden Gedanken nach, beobachtet, wie sie wahllos mal hier, mal dort in den freien Fl\u00e4chen landen \u2013 und wei\u00df doch, dass es damit ein Ende haben wird, sobald das letzte Quadrat gef\u00fcllt sein, sobald es gelten wird, in der gebotenen Hektik aufzubrechen.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hatte eine \u00e4hnliche Gewissheit die Mutter veranlasst, mir mein Versprechen abzunehmen, das nicht weniger enthielt, als dass ich <em>ihr Leben aufschreiben<\/em> w\u00fcrde. Ich, der ich bis dahin zwar geschrieben, nie aber aufgeschrieben hatte, weder mich selbst noch sonst jemanden aufgeschrieben hatte, musste ihr am Krankenbett versprechen, ihr Leben aufzuschreiben, wie sie es ausdr\u00fcckte \u2013 und es war klar, dass sie mit ihrem \u00bbMein Leben\u00ab dasjenige meinte, das sie sich und allen anderen, vor allem aber mir bislang vorenthalten hatte, dasjenige, das vor der Aussiedlung und somit vor meiner Geburt liegt, den beiden Punkten \u2013 die Aussiedlung, meine Geburt \u2013, die das Ende ihres Lebens, zumindest ihres erz\u00e4hlens- und aufschreibenswerten Lebens markieren, weil es von da an nichts mehr von Wert gibt, nichts mehr zu erz\u00e4hlen oder aufzuschreiben gibt, weil die Chronistenpflicht dort endet, wo die Fotografien meiner Kindheit und meines Geburtsortes die wei\u00dfen Seiten im Album abl\u00f6sen. Fotografien k\u00fcmmert es nicht, ob das, was sie dokumentieren, inhaltsleer oder bedeutsam ist.<\/p>\n<p>Bei der Mutter, lasse ich einen tr\u00f6stenden und verr\u00e4terischen Gedankentropfen fallen, ist noch nicht von Minuten zu sprechen, die das Raster dessen vorgeben, was noch zu tun ist. Vielleicht von Jahren, von Monaten. Vielleicht von Wochen, sage ich mir, nicht aber von Tagen, auch nicht von den Tagen, die ich mir von der Mutter gestohlen habe, die ich mir angeeignet und mit den Requisiten meiner sinnlosen Recherche gef\u00fcllt habe: den Fotoapparat, das Notizbuch habe ich in die Tasche gepackt, den Stift und die Brosch\u00fcren von Kapellen, Kirchen, Sehensw\u00fcrdigkeiten, habe ich in die Tasche und die Tasche in den Kofferraum gepackt, habe den Kofferraum geschlossen und Magdeleine und Keltermann ins Auto gepackt und angepackt habe ich nichts au\u00dfer dem Lenkrad und dem Schalthebel, denn Sinn und Zweck dieser Fahrt, sage ich mir wieder, war es, nichts anzupacken, mich davor zu dr\u00fccken, etwas anpacken zu m\u00fcssen, mich davonzustehlen vor meinem Versprechen und der Erkenntnis, dass ich es nicht werde einl\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der dritte Tag beginnt noch vor dem Morgengrauen. 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