{"id":433,"date":"2015-03-13T19:10:06","date_gmt":"2015-03-13T18:10:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=433"},"modified":"2015-03-13T19:01:07","modified_gmt":"2015-03-13T18:01:07","slug":"notizen-47","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=433","title":{"rendered":"Notizen (47)"},"content":{"rendered":"<p>Was vor meiner Geburt liegt, lasse ich mir erz\u00e4hlen \u2013 nicht aus Interesse, sondern weil es mir erm\u00f6glicht, nicht dabei zu sein, nicht teilnehmen und eine Rolle spielen zu m\u00fcssen, die ich ohnehin nicht ausf\u00fcllen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe vor dem Haus ist nur wenig befahren. Einmal dringt das Ger\u00e4usch von Pferdehufen \u2013 dorfausw\u00e4rts liegt eine Reitschule \u2013 durchs gekippte Fenster und bildet den Taktgeber unseres kurzzeitigen Schweigens, vom Aufnahmeger\u00e4t dokumentiert. Sp\u00e4ter kommuniziert es in unverst\u00e4ndlichem Morsecode mit dem Anschlag der Schreibmaschine, die druckreife Buchstaben aufs Papier h\u00e4mmert.<\/p>\n<p><em>Ein Kugelschreiber handschreibt, zieht feine, silbrige Linien, wie sie Kufen im Eis hinterlassen. Eine Schreibfeder biegt ihren steifen R\u00fccken, eine Bleistiftmine reibt sich auf. Eine Nadel sticht es unter die Haut, ein Messer ritzt es ins Brot*\u2026<\/em><\/p>\n<p>In den H\u00e4usern, h\u00f6re ich ihn sagen, h\u00e4tte sich der Feind eingerichtet, je nach Wohnfl\u00e4che ein oder zwei Mann pro Haus. Sie h\u00e4tten dort gesessen und mit selbstgedrehten Zigaretten zwischen ihren Fingern silbrige, nerv\u00f6se Linien in die Luft gestikuliert. Manche unrasiert, das Gesicht von einem grauschwarzen Schnurrbart entmenscht. Tabak auf der Zungenspitze, Korken im Mund; mit schiefen Z\u00e4hnen entkorkte Weinflaschen, wo man welche fand. Brotkrusten, trockenes Wei\u00dfbrot, in die Milch eingebrockt. Milch und K\u00e4se von den beschlagnahmten K\u00fchen des Molkereibetriebs. Die schweren Beine \u00fcber die Armlehnen der eingestaubten und abgeklopften, der aus den H\u00e4usern, den leerstehenden, den ger\u00e4umten, aus den Wohnstuben ger\u00e4umten und zusammengetragenen, geschleppten Sitzm\u00f6bel geschlagen. Schulterklopfen auf die staubige Uniform.<\/p>\n<p>Das Schlagen der Pferdehufe verklingt. \u00dcbrig bleibt das Hintergrundauschen der Aufnahme.<\/p>\n<p>Zuvor habe tage- und wochenlang kalter Rauch \u00fcber den Feldern gestanden. Einmal das Sirenengeheul aus Richtung der Granitolwerke, das den Volkssturm habe wecken sollen. Hinter den fliehenden Soldaten habe die Hitlerjugend ein paar Br\u00fccken gesprengt; das sei der \u00dcbermut und blinde Eifer der Jugend gewesen. Die Br\u00fccke bei den Granitolwerken sei gesprengt worden, eine steinerne beim Christb\u00e4cker und eine bei der Bergm\u00fchle. Tiefflieger seien wie Zugv\u00f6gel die Eisenbahngleise abgeflogen. Schwarze Rauchs\u00e4ulen h\u00e4tten sich der Stadt gen\u00e4hert. Es sei eine Zeit gl\u00fchender Lichter gewesen, in der der Horizont gewetterleuchtet habe. Wer nicht vor dem Unwetter geflohen sei, habe sich in den H\u00e4usern versteckt, habe versteckte Vorr\u00e4te an Zucker und Fett angelegt. Fleisch habe es nur noch aus Notschlachtungen gegeben. Die leeren Augenh\u00f6hlen im Stra\u00dfengraben liegender Rinder seien kleine T\u00fcmpel voll Regenwasser gewesen. Auch davon sei nicht zu erz\u00e4hlen. So fr\u00fch im Jahr habe es noch keine Bienen gegeben, aber in den Kadavern habe man Honig gefunden. Man habe sich beholfen.<br \/>\nMan habe gewusst: man werde Freiwild sein. Zun\u00e4chst habe sich die Sprache ge\u00e4ndert. Aufschriften in deutscher Sprache seien entfernt oder \u00fcbermalt, Stra\u00dfen seien umbenannt worden. Der Kreuzberg sei zur Stalinh\u00f6he geworden. Die versteckten Vorr\u00e4te seien bald zur Neige gegangen. Man habe jeden Bissen bis zum Erbrechen gekaut und den letzten Tropfen Milch aus den verbliebenen K\u00fchen gepresst. Manchmal h\u00e4tten die Kinder, seltener die Erwachsenen, etwas Brot oder sonstige Lebensmittel vom Feind bekommen, der sich im Haus einquartiert habe. Der Feind, m\u00fcsse man zu seiner Ehre sagen, sei nicht immer ein Unmensch gewesen. Im Gasthof Adler, am Ringplatz, sei eine Meldestelle f\u00fcr den Arbeitsdienst eingerichtet worden. Wer eine Arbeitst\u00e4tigkeit nachweisen konnte, habe eine karge Ration Brot bekommen. An Fronleichnam habe man sie Alt\u00e4re aufstellen lassen und Birkenschmuck vom Kreuzberg holen, auf dem bereits das Stalindenkmal gestanden habe. Man habe ihnen Beil und S\u00e4ge in die Hand gedr\u00fcckt.<br \/>\nMit einem Rest Honig habe man den Apostel wundergeheilt, die h\u00f6lzernen Finger wieder an die Hand geklebt, die beim Sturz die Speichertreppe hinunter abgebrochen seien. Heiligenfiguren, Kerzenhalter, das Messbesteck, alles sei aus der Dachkammer ger\u00e4umt worden, wo man es zuvor eilig verstaut habe, als die r\u00fcckziehenden Soldaten durch die Stadt gekommen seien, den Feind an den Fersen. Jetzt sei doch alles eingesammelt worden. Die Anweisung dazu habe der neue Pastor gegeben, ein deutsch sprechender Tscheche, der sp\u00e4ter am Tag vor Wut auf den improvisierten Altar gesprungen sei und in fremden Zungen geschimpft habe wie der Leibhaftige selbst; mit dem Fu\u00df habe er aufgestampft, als wollte er die Erde spalten, da sei der Stein ins Rutschen, der Pastor sei ins Rutschen gekommen.<\/p>\n<p>\u00bbGeduckt, den Bauch auf dem Erdboden, robben die Rinder auf die Stadt zu, ihre Sch\u00e4del knapp \u00fcber der Grasnarbe haltend. Stiefel treten in schlammige Pf\u00fctzen, ein Bein verheddert sich im Stacheldraht\u00ab, lese ich mit Seitenblick in mein Notizbuch, w\u00e4hrend das Band weiterl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Notschlachten m\u00fcssen habe man eins der beiden Pferde, die den Munitionstransport gezogen h\u00e4tten, der auf freiem Feld, unterhalb des Lausbergs in die Luft geflogen sei. Es sei der Nachl\u00e4ssigkeit beim Abladen geschuldet gewesen, obwohl die Russen sp\u00e4ter von Sabotage gesprochen h\u00e4tten. Auf dem Aasplatz habe man die Munitionskisten abgeladen, die Granaten, Panzerf\u00e4uste \u2013 da m\u00fcsse es passiert sein. Vorstellen m\u00fcsse ich mir: die Luft, zur Faust geballt, die ihm die Jacke vom Leib gerissen habe. Die ohrenbet\u00e4ubende Stille. Der Rauchpilz, bis zur besetzten Z\u00fcndholzfabrik hin sichtbar. Nicht mehr zu erinnern die russischen Soldaten, wild gestikulierend, die tschechischen Partisanen. Zu Boden regnende Patronenh\u00fclsen und Granatsplitter.<br \/>\nAm Nachmittag habe man die zum Arbeitsdienst Abkommandierten zum Aasplatz, der schon vorher Aasplatz gehei\u00dfen habe, geschickt, um das Massengrab auszuheben: zuunterst das tote Pferd, dar\u00fcber die sechs Landsleute. Die Leichname der Russen und Tschechen seien \u00fcberf\u00fchrt worden.<br \/>\nJahre sp\u00e4ter habe er es aufgeschrieben, er habe das Massengrab besucht und die Namen aufgeschrieben. Er habe dem Pfarrer die Namen gemeldet, damit er sie in die Sterbematrik \u00fcbertragen m\u00f6ge. Handschriftlich habe er notiert, er habe als einzig \u00dcberlebender zwei geplatzte Trommelfelle und einen Lidkrampf auf beiden Augen davongetragen. Das Versorgungsamt habe den Lidkrampf nicht als Kriegsleiden anerkennen wollen; vom Schreiben k\u00f6nne er mir eine Kopie anfertigen, sobald er es finde.<br \/>\nDrau\u00dfen trabt ein Pferd die Stra\u00dfe entlang. Mit einem lauten Klappern, vom Aufnahmeger\u00e4t dokumentiert, stellt er die Kaffeetasse auf dem Unterteller ab und schweigt. Statt zu fragen, wie gut und woher genau er die Mutter gekannt habe, schreibe ich leere Worte ins Notizbuch: \u00bbSchwef\u2019lhelzle, Schwef\u2019lhelzle muss mer han, dass mer alle Agenblick a Feuer machen kann.\u00ab<\/p>\n<p>* Anspielend auf Rimbauds <em><a href=\"http:\/\/short-edition.com\/classique\/arthur-rimbaud\/la-chambree-de-nuit\" target=\"_blank\">Les soldats coupent sur leur pain :<br \/>\n\u00ab C&#8217;est la vie ! \u00bb<\/a><\/em> \u2013 Jan Weidner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was vor meiner Geburt liegt, lasse ich mir erz\u00e4hlen \u2013 nicht aus Interesse, sondern weil es mir erm\u00f6glicht, nicht dabei zu sein, nicht teilnehmen und eine Rolle spielen zu m\u00fcssen, die ich ohnehin nicht ausf\u00fcllen k\u00f6nnte. Die Stra\u00dfe vor dem Haus ist nur wenig befahren. 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