{"id":397,"date":"2015-02-27T19:10:02","date_gmt":"2015-02-27T18:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=397"},"modified":"2015-02-28T15:16:45","modified_gmt":"2015-02-28T14:16:45","slug":"tagebuch-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=397","title":{"rendered":"Tagebuch (12)"},"content":{"rendered":"<p>Muss ich ihn begreifen, um ihn loswerden zu k\u00f6nnen? Ich k\u00f6nnte ihn mir als Figur vorstellen \u2013 ich habe schon l\u00e4ngst damit begonnen \u2013, ins l\u00e4ngst verworfene epische Pr\u00e4teritum wechseln und seinen Werdegang schildern.<\/p>\n<p>Zum Schreiben kam Keltermann durch eine jener Entscheidungen, die sich stets nicht unbemerkt, aber doch mehr oder minder unbewusst in ihm formten; die sich als Reaktion, als verdrehtes Abbild von Gesehenem und Erlebtem, nur dann in der Lochkamera seines Sch\u00e4dels entwickeln konnten, wenn dieser Prozess nicht durch den \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Lichteinfall einer kritischen Reflexion unterbrochen wurde. Dieser abgeschottete Raum \u2013 es durfte nur der d\u00fcnne Lichtstrahl seiner Sinneswahrnehmungen einfallen \u2013 war notwendig, um seinen Entschl\u00fcssen Kontur zu verleihen; stets haftete ihnen das Moment des Abrupten an. Kaum verwunderlich, dass im Dorf schon fr\u00fch an seiner Legende gestrickt wurde. Sein Gefolge bestand aus denen, deren Eltern ihnen den Umgang mit ihm untersagt hatten, und die gespannte Erwartung des n\u00e4chsten Ausbruchs bestimmte ihr Verh\u00e4ltnis zu ihm. Egal, wie lange sie ihn schon kannten, f\u00fcr wie lange sie ihn in der ihnen zugewiesenen, genau bemessenen Umlaufbahn umkreisten: Nicht nur Keltermann selbst, sondern auch ihnen mussten seine ebenso abrupten wie folgenschweren Entschl\u00fcsse umso klarer und logischer erscheinen, je blinder sie aus ihm herausbrachen.<\/p>\n<p>Die Konsequenz, mit der er sie in die Tat umsetzte, hinterlie\u00df Eindruck: etwa im Milchglas der Kellerfenster, die er mit Pfeil und Bogen des gleichaltrigen, auch nicht gerade heilig zu nennenden heiligen Sebastian traktierte \u2013 und offene M\u00fcnder: etwa in den Konsolen der Automobile, in denen kurz zuvor noch ein Blaupunkt Autoradio gesteckt hatte.<\/p>\n<p>Vielleicht begann er mit dem Schreiben, weil es zum Schreiben wie zum Aufbrechen von Autot\u00fcren nur ein Werkzeug und das n\u00f6tige Ma\u00df Skrupellosigkeit braucht; aber auch wenn sich der Entschluss, mit dem Schreiben zu beginnen, in Art und Entstehung nicht von den vorangegangenen, in ihrem Wunsch nach Abseitigkeit und Provokation offensichtlicheren unterschied, musste ihm klar gewesen sein, dass diese beiden Ausdrucksformen seiner Pers\u00f6nlichkeit strikt voneinander zu trennen waren.<\/p>\n<p>Ich kann nicht sagen, was er sich von mir versprach; vielleicht gerade die un\u00fcberbr\u00fcckbare Distanz, die schon unsere Lebensalter mit sich bringen.<\/p>\n<p>War ich ern\u00fcchtert gewesen, als ich die ersten Blicke auf seine ungeordneten, in ungelenker Handschrift abgefassten Gedichte und Prosafragmente geworfen hatte? Ern\u00fcchtert, dass sich der erhoffte subversive Charakter lediglich in der Selbstverst\u00e4ndlichkeit zeigte, mit der er sich das Schreiben aneignen wollte wie einen fremden Besitz?<\/p>\n<p>Ich habe, denke ich mir jetzt \u2013 ich be\u00e4uge wechselweise Keltermann und den Schmierzettel, der ostentativ vor ihm auf der Tischplatte liegt \u2013, niemanden entdeckt, sondern mir jemanden aufgehalst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Muss ich ihn begreifen, um ihn loswerden zu k\u00f6nnen? Ich k\u00f6nnte ihn mir als Figur vorstellen \u2013 ich habe schon l\u00e4ngst damit begonnen \u2013, ins l\u00e4ngst verworfene epische Pr\u00e4teritum wechseln und seinen Werdegang schildern. 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