{"id":353,"date":"2015-02-17T19:10:57","date_gmt":"2015-02-17T18:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=353"},"modified":"2015-02-20T08:46:52","modified_gmt":"2015-02-20T07:46:52","slug":"tagebuch-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=353","title":{"rendered":"Tagebuch (11)"},"content":{"rendered":"<p>Nicht auszudenken: wenn man nicht mehr auszudenken ist.<br \/>\nInzwischen, hatte Keltermann gesagt, bevor es im Zimmer still und dunkel geworden war, sei es ihm unm\u00f6glich, ein fremdes Buch zu lesen, und er sage ganz bewusst <em>fremdes<\/em> Buch, denn inzwischen seien ihm die meisten B\u00fccher fremd geworden, abgesehen von wenigen, denen von Cioran und Nietzsche vielleicht; der Rest lasse ihn kalt. Da er bereits alle in ihm vorhandenen Gef\u00fchle und somit T\u00e4uschungen aus ihnen heraus- und wieder in sie hineingelesen habe, bleibe ihm inzwischen nur noch, dem Lieben und Scheitern und Sterben all dieser belanglosen Figuren ohne jede Gef\u00fchlsregung beizuwohnen, und deshalb, hatte er geendet, scheine ihm inzwischen jedes Wort verloren, das nicht aus ihm selbst komme.<\/p>\n<p>Daraufhin hatte sich die Dunkelheit im Zimmer ausgebreitet, die weniger eine Ver\u00e4nderung der Lichtverh\u00e4ltnisse gewesen war, als vielmehr die Folge einer stillen \u00dcbereinkunft: es sei jetzt Nacht und das Notwendige gesagt.<\/p>\n<p>Mir war geblieben, in die Schw\u00e4rze zu starren \u2013 Magdeleine und Keltermann hatten schon in der Gastst\u00e4tte Alkohol bestellt und, zur\u00fcck im Pensionszimmer, die letzte Flasche Wein vom Vortag entkorkt, die w\u00e4hrend eines zwar angeregten, insgesamt aber auf das Notwendige und Offensichtliche beschr\u00e4nkten Gespr\u00e4chs \u00fcber das Schreiben geleert wurde und schlie\u00dflich, wie um Keltermanns z\u00f6gerliches, lange im Schweigen vor dem Einschlafen h\u00e4ngendes Fazit zu unterstreichen, vom Bett gerollt und dumpf auf dem Teppichboden aufgeschlagen war \u2013 und mich zu erinnern, vor Jahrzehnten unter der Linde am Kriegerdenkmal gesessen zu haben, zu einer Zeit, als ich im Dorf l\u00e4ngst zum mahnenden Beispiel geworden war, und ein Buch gelesen zu haben, dessen Titel und Autor ich auch heute noch m\u00fchelos hersagen kann und dessen Seiten mit dutzenden kleiner Pf\u00fctzen \u00fcbers\u00e4t gewesen waren \u2013 <em>nein, keine Tr\u00e4nen, sondern Tautropfen<\/em> \u2013, darin sichtbar: spiegelverkehrte, in feine H\u00e4rchen zerfasernde Buchstaben.<\/p>\n<p>Gut m\u00f6glich, denke ich mir am n\u00e4chsten Morgen, dass es die stille \u00dcbereinkunft, das Gespr\u00e4ch zu beenden und dem Schweigen und der Dunkelheit das Feld zu \u00fcberlassen \u2013 Magdeleine hatte vielleicht schon geschlafen \u2013, gar nicht gegeben hatte, dass sie vielmehr eine willkommene Ausrede f\u00fcr mich gewesen war, meinen Widerspruch unausgesprochen zu lassen; denn nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich Keltermann jederzeit widersprechen k\u00f6nnen. Er kenne doch, h\u00e4tte ich ihm erwidern k\u00f6nnen, das Ausma\u00df und die Tiefe seiner T\u00e4uschungen noch nicht, darin liege n\u00e4mlich die eigentliche T\u00e4uschung: zu denken, er k\u00f6nne von seinem Lesen als einem vergangenen und somit von seinem Schreiben als einem gegenw\u00e4rtigen sprechen \u2013 so, als k\u00f6nne es Worte geben, die tats\u00e4chlich aus ihm k\u00e4men, als k\u00f6nne er sich auf- und niederschreiben, als l\u00e4ge das eigentliche Ziel nicht darin, sich wegzuschreiben, sich so gr\u00fcndlich auf- und davonzuschreiben, bis man sich selbst fremd geworden ist. Das h\u00e4tte ich ihm erwidern k\u00f6nnen, denke ich mir und sp\u00fcre noch einmal dem Gef\u00fchl der Fremdheit nach, das ich in der Gastst\u00e4tte so deutlich empfunden hatte, als ich vom Telefonat mit der Kusine an den Tisch zur\u00fcckgekehrt war, mich den beiden gegen\u00fcbergesetzt und sie mit dem gleichen unverwandten Blick betrachtet hatte wie die Heiligen- und Stifterfiguren in der Friedhofskapelle, deren Brosch\u00fcre \u2013 \u00bbGeschichte und Bedeutung der Wandmalereien\u00ab, et cetera \u2013 immer noch nachl\u00e4ssig zusammengefaltet in meiner Ges\u00e4\u00dftasche steckt.<\/p>\n<p>In der Nacht hatte mir von einem Gestr\u00fcpp aus Worten getr\u00e4umt, kahl und widerspenstig wie eine Dornenhecke, von h\u00f6lzernen Fingern, die sich nach dem Wasser strecken und unlesbare Gesten formen, ineinandergreifend und sich wieder voneinander l\u00f6send.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht auszudenken: wenn man nicht mehr auszudenken ist. 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