{"id":277,"date":"2015-02-01T19:10:30","date_gmt":"2015-02-01T18:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=277"},"modified":"2015-02-01T19:44:32","modified_gmt":"2015-02-01T18:44:32","slug":"tagebuch-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=277","title":{"rendered":"Tagebuch (9)"},"content":{"rendered":"<p>Auch diese Fahrt kommt ans Ziel, ohne dass ich von ihr berichten kann: die nackten, dreckstarrenden Zehen entwurzelter B\u00e4ume am Hang, auf den Asphalt gekullerte Erdknollen, <em>Achtung Steinschlag<\/em>; schlie\u00dflich die Ortschaft unter uns, ein Wildwuchs, wo sich die Landschaft faltet.<\/p>\n<p>Das Auto stelle ich \u2013 es ist Ruhetag \u2013 auf dem Parkplatz einer Gastwirtschaft ab, trenne mich am Ortsschild von Magdeleine und Keltermann, wegweise sie in Richtung Badesee und hebe zum Zeichen des Abschieds meine Ledertasche, Notizbuch und Fotoapparat darin; Requisiten meiner Rolle, die ich also, denke ich mir, spielen werde, bis der Vorhang f\u00e4llt. Stattdessen f\u00e4llt mir sp\u00e4ter die Tasche von der Friedhofsmauer. Ich lese von Pesttoten, f\u00fcr die man den Friedhof erweitert habe, lese anderswo, der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Friedhofskapelle k\u00f6nne im Wasch-Center abgeholt werden. \u00bbFun Wash\u00ab, der Titel einer Kurzprosa von-wem-sonst Josef Winkler geht mir nicht aus dem Kopf, w\u00e4hrend ich, den Schl\u00fcssel mit dem gr\u00fcnen, handschriftlich mit \u00bbKapelle\u00ab beschrifteten Schl\u00fcsselanh\u00e4nger in der Faust, durch die Reihen der Grabsteine gehe und mich frage, ob irgendwo unter mir, nicht mehr voneinander unterscheidbar, wirklich Pestopfer liegen oder nur die regul\u00e4ren Toten, die, ohne es zu wissen, f\u00fcr einige Zeit der \u00bblutherischen Sekte\u00ab angeh\u00f6rten und seit ein paar Jahrhunderten wieder katholisch sind, die armen Teufel, \u00fcber deren K\u00f6pfe hinweg gelaufen und entschieden wird, die es nicht einmal zu Allerseelen schaffen, sich unter Protest aus ihren muffigen Gruben zu heben \u2013 schon wieder tropft Weihwasser durch die Decke, durch die undichte Stelle im Sargdeckel, l\u00e4ngst hat der stete Tropfen die Stirn ausgeh\u00f6hlt, ein ewiges \u00c4rgernis \u2013 und am verschlossenen Tor des Gottesackers zu r\u00fctteln, bis man ihnen Geh\u00f6r schenkt, ein abgekautes Ohr zum Fra\u00df vorwirft, und schlie\u00dflich, den von der Gemeinde bereitgestellten Filzstift in den kn\u00f6chernen H\u00e4nden, an der richtigen Stelle ihr Kreuz zu machen.<\/p>\n<p>Im Halbdunkel des Kapellenraumes, in dem ich mich vor dem Ansturm der Toten verschanze, fotografiere ich \u2013 bitte Blitzlicht vermeiden \u2013 die R\u00f6telzeichnungen an den W\u00e4nden, die Kanzel, die Reliefornamente, die Stifter- und Heiligenfiguren. Sp\u00e4ter kann ich den Film entwickeln lassen, um etwas Handfestes zu haben, mit dem ich Magdeleine und Keltermann gegen\u00fcber unseren Ausflug, der Mutter gegen\u00fcber meine Abwesenheit rechtfertigen kann. Der Karton mit den Fotografien, den Kruzifixen und Schmerzensm\u00e4nnern, den Grabsteinen und Grabinschriften, ein weiteres Requisit f\u00fcr den Schmierenkom\u00f6dianten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Badesee \u2013 ich wollte die Felder queren und mir den erneuten Gang durchs Dorf sparen \u2013 sto\u00dfe ich an die k\u00fcnstliche Grenze der Schrebergarteneinz\u00e4unungen, und obwohl keine Menschenseele zu sehen ist, bleibt mir nichts anderes, als zur Stra\u00dfe zur\u00fcckzukehren. Mit von Hitze geleertem Kopf komme ich am Schalter an, schiebe mich durch das Drehkreuz, die Ledertasche auf Schulterh\u00f6he haltend, kann aus der Ferne Magdeleine und Keltermann auf der Liegewiese ausmachen und bleibe z\u00f6gerlich vor den Umkleidekabinen stehen, das Leichtgewicht meiner Tasche schmerzlich bewusst am Arm, bevor ich sie auf dem Kiesweg abstelle, mir Schuhe und Socken von den m\u00fcden F\u00fc\u00dfen streife und barfu\u00df auf die Wiese trete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch diese Fahrt kommt ans Ziel, ohne dass ich von ihr berichten kann: die nackten, dreckstarrenden Zehen entwurzelter B\u00e4ume am Hang, auf den Asphalt gekullerte Erdknollen, Achtung Steinschlag; schlie\u00dflich die Ortschaft unter uns, ein Wildwuchs, wo sich die Landschaft faltet. 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