{"id":209,"date":"2015-01-18T19:10:56","date_gmt":"2015-01-18T18:10:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=209"},"modified":"2015-01-21T09:47:36","modified_gmt":"2015-01-21T08:47:36","slug":"tagebuch-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=209","title":{"rendered":"Tagebuch (7)"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwann, sagt sie, als ich ihr das Notizbuch zur\u00fcckgebe und mir jedes weitere Wort verkneife, habe sie vor der Wahl gestanden, sich selbst oder dem Wort <em>Sch\u00f6n<\/em> zu misstrauen. Jedes Mal, wenn ihr ein solches <em>Sch\u00f6n<\/em> mitgegeben worden sei, es das Zur\u00fcckgeben eines auf kleinkariertes Papier notierten Gedichtes oder eines Notizbuchs begleitet habe \u2013 schlie\u00dflich nicht mehr zu unterscheiden gewesen sei, ob sie oder ihre S\u00e4tze gemeint seien \u2013 sei das Wort <em>Sch\u00f6n<\/em> ein St\u00fcck weit entwertet worden, sei unzuverl\u00e4ssig geworden, habe ihr Misstrauen geweckt.<br \/>\nEs geh\u00f6re zum Charakter der D\u00f6rfler, um Worte verlegen zu sein, sie stiefm\u00fctterlich zu behandeln, und deshalb seien sie bem\u00fcht, alles m\u00f6glichst auf einen Satz, ein Wort zu reduzieren, selbst in ihrem endlosen Tratsch immer nur die gleichen S\u00e4tze und W\u00f6rter verwenden zu m\u00fcssen \u2013 und dabei merkten sie nicht, wie sie den Menschen selbst auf einen Satz, ein Wort reduzierten, ihn in die Enge eines Satzes oder eines Wortes zw\u00e4ngten, denn selbst f\u00fcr ein Kind sei die Frage, wem es geh\u00f6re, schon zu klein, zu eng, und das Wort <em>Sch\u00f6n<\/em>, das aus einer falsch verstandenen H\u00f6flichkeit oder Bewunderung oder verliebten oder pubert\u00e4ren Regung das Aus- und Vorbeilesen ihrer Gedichte und Notizen begleite, komme ihr aus diesem Grund immer mehr wie ein Abtun, ein Abwerten vor.<\/p>\n<p>Eine Woche lang war ihre Mutter nach der Trauerfeier noch verschleiert durchs Dorf gegangen, hatte sich mindestens einmal t\u00e4glich auf den Weg zum Gottesacker gemacht, hatte ihr geselliges Wesen hinter einer Maske aus Schweigen versteckt, die sie nicht ohne einen gewissen Stolz, den das Wissen um das eigene Auserw\u00e4hltsein \u2013 und sei es das Auserw\u00e4hltsein zur Trauer \u2013 mit sich bringt. Ihre Stimme hatte sie f\u00fcr eine Woche eingetauscht gegen einen Platz im Chor der alten Weiber, die von fr\u00fch bis sp\u00e4t in wechselnder Besetzung in den hinteren Kirchenb\u00e4nken hocken und den Rosenkranz herunterleiern. F\u00fcr eine Woche hatte sich Magdeleines Mutter in dieses heisere Raunen der kr\u00fcckst\u00f6ckig und krummr\u00fcckig, faltenr\u00f6ckig in den Kirchenb\u00e4nken sitzenden Weiber gemischt, das mir stets als Schauer den R\u00fccken herunterl\u00e4uft und mich sprachlos, mit letztem Atem gegen die Sprache ank\u00e4mpfend, zur\u00fcckl\u00e4sst. F\u00fcr eine Woche hatte sie ihre Sprache gebenedeit, in der man ansonsten jeden wahlweise als Saumensch oder Tranfunzl bezeichnen kann, in der man abgrenzen und ausgrenzen kann, nach Fremden und Einheimischen trennen kann, je nachdem, ob jemand auf der Stra\u00dfe mit \u00bb&#8217;n Owed\u00ab oder mit \u00bb&#8217;n Obed\u00ab gr\u00fc\u00dft. \u00bb&#8217;n Obed\u00ab \u2013 lies: Guten Abend \u2013 sagt man auf der Stra\u00dfe nach dem Zw\u00f6lfuhrl\u00e4uten, \u00bb&#8217;n Obed\u00ab ist das einzige Wort, das sie in meiner Sprache noch f\u00fcr mich \u00fcbrig haben, und nicht einmal das kriege ich heraus, wenn ich Magdeleines Mutter zwischen den Reihen der Gr\u00e4ber begegne und sie bei meinem Anblick \u00bbschier gar n Herzschlag\u00ab bekommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann, sagt sie, als ich ihr das Notizbuch zur\u00fcckgebe und mir jedes weitere Wort verkneife, habe sie vor der Wahl gestanden, sich selbst oder dem Wort Sch\u00f6n zu misstrauen. 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