{"id":196,"date":"2015-01-15T19:10:38","date_gmt":"2015-01-15T18:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=196"},"modified":"2015-01-23T18:41:27","modified_gmt":"2015-01-23T17:41:27","slug":"notizen-18","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=196","title":{"rendered":"Notizen (18)"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbIm Jahre 1913 schlug der Blitz in die M\u00fchle. Er hat einen Fl\u00fcgel und ein Mittelst\u00fcck zerspalten. Der eiserne Wellkopf hat den Blitz angezogen, ist dann durch 2 Paar Steine gegangen, durch den Steinsch\u00f6ler, hat mit [sic] die Stiftentrommel zerrissen und von da ist er auf einen geschmiedeten Nagel gekommen und hat am St\u00e4nder unten beim Kreuz noch ein St\u00fcckchen Holz herausgerissen, bevor er in die Erde gefahren ist.\u00ab *<\/p>\n<p>Irgendwann werde ich ans \u00bbB\u00e4rner L\u00e4ndchen\u00ab schreiben m\u00fcssen, an die Zeitschrift der anno 1946 aus B\u00e4rn und Gro\u00dfw\u00f6itersdorf (lies: Gro\u00dfwaltersdorf) Ausgesiedelten, die dann meine ungelenken S\u00e4tze auf ihr chlorfrei gebleichtes Billigpapier drucken muss, die Fotografie, die das Elternhaus der Mutter zeigt. \u00bbNeben dem Haus standen zwei Eschen, ein Birnbaum\u00ab, beginnt die Schilderung der Mutter, ich dagegen werde hartherzig bleiben und jedes Wort auf die Goldwaage legen, bevor ich es in die Tastatur der Schreibmaschine hacken werde, ich werde mir die ungelenken S\u00e4tze, die mir die Mutter aufs Diktierger\u00e4t gesprochen hat, auf der Zunge zergehen lassen, sie abschmecken, die allzu abgeschmackten Bilder \u2013 Stare im Eschenge\u00e4st, im Brunnenwasser gek\u00fchlte Milchkannen \u2013 werde ich mit einer Prise Bitterkeit salzen: \u00bbVom Haus steht kein Stein mehr, auf den Feldern wachsen wilde B\u00e4ume.\u00ab<\/p>\n<p>Ich werde dem Knistern und Knacken des Diktierger\u00e4ts lauschen, dem Rauschen der Aufnahme, das mich in die Stube zur\u00fccktr\u00e4gt:<br \/>\nAsthmatisch qu\u00e4lt sich ein Traktor bergauf, Licht schl\u00e4gt wie eine salzige Brandung ins Zimmer, in ihren Bilderrahmen h\u00e4ngen Brautpaare krumm und schief an der Stubenwand, darunter liegt die Mutter auf dem Scheslon, die H\u00e4nde auf dem Bauch gefaltet, den Blick zur Decke geheftet diktiert sie ihre Kindheitserinnerungen, sch\u00f6pft Brunnenwasser in Blechkannen oder findet kleine Krebse im Flussbett, presst pl\u00f6tzlich die Finger der linken Hand auf die Augen, gr\u00e4bt die Finger der rechten Hand in den Stoff ihrer Sch\u00fcrze \u2013 den ersten Gatten habe \u00bbder Tschech\u00ab erschossen.<\/p>\n<p>Das Diktierger\u00e4t wird das Band abspulen, ich werde Luft holen und nochmals ansetzen:<br \/>\nHinter staubigen Glasscheiben sind Brautpaare ins ewige Gl\u00fcck gebannt, winzige Nadeln durchbohren ihre Brustk\u00f6rbe und heften sie an den Tag der Trauung, darunter grinsen die im ehelichen Scho\u00df geborenen Kinder milchz\u00e4hnig ins Sonnenlicht und strecken der Kamera ihre Einschulungst\u00fcte entgegen, die Mutter steckt Geld in Briefumschl\u00e4ge, zur Einschulung, zur Erstkommunion, irgendwann zur Hochzeit \u2026 Die Luft wie Windm\u00fchlenfl\u00fcgel schlagend werfen die Arme des Erschossenen in den Ackerfurchen flackernde Schatten, aufprallt sein K\u00f6rper wie vom Blitz getroffen; hinter einer Gruppe wildwachsender B\u00e4ume ragt die Gebissruine verwitterten Mauerwerks aus der Erde; Flusswasser, in dem man die nackten F\u00fc\u00dfe k\u00fchlt, w\u00e4scht \u00fcber einen glatten Krebsr\u00fccken und rei\u00dft das Tier samt Schale fort, mit einem platzenden Ger\u00e4usch l\u00f6sen sich patronenf\u00f6rmige Kieselsteine aus dem Flussbett und schnellen mit der Str\u00f6mung davon, suchen die entbl\u00f6\u00dfte Brust. Aus seiner Schwarzwei\u00dffotografie stierend fragt sich der erschossene Gatte, ob Blicke t\u00f6ten k\u00f6nnen, der Fleischhauer Kummerer l\u00e4sst den Hammer sinken und r\u00fcckt sein Hitlerb\u00e4rtchen zurecht, die Mutter wickelt meinen Brief ans \u00bbB\u00e4rner L\u00e4ndchen\u00ab um einen Stein, mit der faustgro\u00dfen Wurfpost schlage ich auf die Scheiben der Hochzeitsbilder und breche das Eis, den Beinah-Vater, den ersten Gatten im Arm eingehakt, der war bei der SS und wusste von nichts, erscheine ich den Herausgebern des \u00bbB\u00e4rner L\u00e4ndchens\u00ab im Schlaf, zwischen den gebleckten Z\u00e4hnen ein herausgebissenes St\u00fcck Hakenkreuzholz, auf dem ich bis zum Ersticken kaue und w\u00fcrge, bevor ich heulend in die Erde fahre.<\/p>\n<p>* aus: Johann Hoffmann, <em>Gro\u00df-Waltersdorf \u2013 Aus der Geschichte des Schieferdorfes im Odergebirge<\/em>, Verlag Adolf G\u00f6del, Wolfratshausen 1965<br \/>\n\u2013 Jan Weidner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbIm Jahre 1913 schlug der Blitz in die M\u00fchle. 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