{"id":161,"date":"2015-01-03T19:10:42","date_gmt":"2015-01-03T18:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=161"},"modified":"2015-01-03T18:11:25","modified_gmt":"2015-01-03T17:11:25","slug":"tagebuch-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=161","title":{"rendered":"Tagebuch (5)"},"content":{"rendered":"<p>Mit Keltermann rede ich mir Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he ein.<br \/>\nBarfu\u00df auf der Fensterbank des Pensionszimmers sitzend, Kafka \u2013 das Mitbringsel \u2013 liegt mit steifem R\u00fccken zu seinen F\u00fc\u00dfen, erz\u00e4hlt er von <em>diesem Unmensch<\/em> und meint damit ihren Vater, den Bauern mit dem verschatteten Gesicht und den tr\u00fcben Augen, der auf einmal in der T\u00fcr\u00f6ffnung ihres Kinderzimmers gestanden habe. Mit seiner Statur den T\u00fcrrahmen ausf\u00fcllend, habe der Vater das erste Mal das Wort an ihn gerichtet, die Frage, wem er, Keltermann, geh\u00f6re. Danach, sagt Keltermann, habe er ihre kindliche Angst vor diesem Mann geteilt. Ihm, dem Vater, habe diese Angst seiner Tochter unertr\u00e4glich sein m\u00fcssen, unverst\u00e4ndlich ihr allgegenw\u00e4rtiger Ekel; vor den Menschen, den Verwandten, sei die Tochter in ihr Zimmer gefl\u00fcchtet, vor der lautstarken Sippschaft, vor dem Kinderbesuch, den Gleichaltrigen, den kleinen Verwandten. Vor dem Vater, wenn er laut wurde.<br \/>\nAuch der habe gesoffen und an die H\u00e4userw\u00e4nde gebrunzt.<br \/>\nSp\u00e4ter habe sie ihm erz\u00e4hlt, wie er gestorben sei. Die Stiege sei er hinaufgegangen, seine Sonntagshose anziehen, die ihm die Mutter aufs eben gemachte Bett gelegt habe. Der Bettvorleger habe seine schweren Schritte \u00fcber ihren K\u00f6pfen geschluckt, dann habe es einen Schlag getan. Sie habe der Mutter in die Augen gesehen und sofort gewusst: Jetzt hat ihn der Blitz getroffen.<\/p>\n<p>Ekel vor der Zudringlichkeit des Lebens. Vor den Gummistiefeln mit ihren Sohlen voll Tierkot, vor den sauberen Sonntagsschuhen. Vor den bleichen Tiersch\u00e4deln an der Wand, den betenden H\u00e4nden an der Wand, den Kreuzen an der Wand. Vor den blinden Fensterscheiben, durch die das Licht f\u00e4llt wie sauer gewordene Milch. Vor den Aschenbechern, den Eltern, die ihr Geld in die Hand dr\u00fccken und sie nach Zigaretten schicken. Vor der Gro\u00dfmutter, die vom Esstisch aufsteht, sagt: \u00bbIch muss brunze.\u00ab<\/p>\n<p>Ob ich wisse, was er meine. Ob ich \u00fcberhaupt zuh\u00f6re.<br \/>\n\u00bbEkel vor der Zudringlichkeit des Lebens\u00ab schreibe ich ins Notizbuch und streiche den Satz wieder aus.<\/p>\n<p>In die d\u00fcnne Decke eines traumlosen Schlafes bohrt sich das Telefonklingeln, das ich mir nur eingebildet habe.<br \/>\nNachdem ich den Rasierpinsel unter einem d\u00fcnnen Wasserstrahl ausgewaschen habe, froh, meinem Blick aus dem Badezimmerspiegel nicht mehr standhalten zu m\u00fcssen, lausche ich dem ruhigen Atem der beiden Schlafenden. Die Mutter frage nach mir, hatte die Kusine bei unserem gestrigen Telefonat gesagt, hinzugef\u00fcgt, sie wisse nicht, was sie ihr antworten solle. Die Wahrheit, hatte ich vorgeschlagen und war zusammengezuckt, als die Kusine lauthals losgelacht hatte; dass ich mit zwei Minderj\u00e4hrigen in Urlaub gefahren sei? Keltermann, h\u00e4tte ich erwidern k\u00f6nnen, sei schon seit Wochen vollj\u00e4hrig, ich h\u00e4tte mich w\u00e4hrend der Autofahrt nach Konstanz mit ihm abwechseln k\u00f6nnen, h\u00e4tte ihm das Steuer und Magdeleine den Beifahrersitz \u00fcberlassen k\u00f6nnen oder mir, auf dem Beifahrersitz sitzend, Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he einreden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Keltermann rede ich mir Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he ein. Barfu\u00df auf der Fensterbank des Pensionszimmers sitzend, Kafka \u2013 das Mitbringsel \u2013 liegt mit steifem R\u00fccken zu seinen F\u00fc\u00dfen, erz\u00e4hlt er von diesem Unmensch und meint damit ihren Vater, den Bauern mit dem verschatteten Gesicht und den tr\u00fcben Augen, der auf einmal in der T\u00fcr\u00f6ffnung ihres [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-161","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/23"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=161"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/161\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":163,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/161\/revisions\/163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}