{"id":146,"date":"2014-12-26T14:18:09","date_gmt":"2014-12-26T13:18:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/ekelundekstase\/?p=146"},"modified":"2014-12-26T15:36:19","modified_gmt":"2014-12-26T14:36:19","slug":"tagebuch-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ekelundekstase.wababbel.de\/?p=146","title":{"rendered":"Tagebuch (4)"},"content":{"rendered":"<p>Auf Milchf\u00fc\u00dfen l\u00e4uft eine Frau vorbei. Mein Daumen stolpert \u00fcber die Rille im Porzellan der Kaffeetasse, aus dem Zuckerp\u00e4ckchen rieselt Sand auf die Tischplatte. Musik dudelt aus dem Kassettenspieler einer im Schneidersitz auf dem Stra\u00dfenpflaster hockenden Alten, zu deren F\u00fc\u00dfen ein Beutel mit M\u00fcnzgeld liegt, eine Decke, auf der sie ihre Devotionalien ausgebreitet hat. Touristen belagern einen Drehst\u00e4nder mit Bodenseepostkarten, abschweifende Blicke streifen die auf der Stra\u00dfe sitzende, unabl\u00e4ssig \u00fcber einen h\u00f6lzernen Kruzifixus streichelnde Alte, die eben unter Geckern dem Heiland den blauen Verschluss einer Oranginaflasche auf den Kopf gesteckt hat, wie man Fingerh\u00fcte auf Finger steckt. Zeige- und Mittelfinger der Alten liegen unter dem Brustkorb, in der Magengrube des zuk\u00fcnftigen Jesuleichnams und erzittern dann und wann unter seinen Spasmen; mit Zeige- und Mittelfinger t\u00e4tschelt sie das feste, \u00fcber den die Scham verh\u00fcllenden Lumpen verknotete B\u00e4uchlein, um dem Heiland ein finales B\u00e4uerchen zu entlocken \u2013 \u00bbS wird scho wiedr gut, heul e bissle, lach e bissle, loss e F\u00fcrzle fahre\u00ab \u2013 damit er seinen Geist in die schw\u00fcle Luft aushauchen und den Konstanzern am dritten Tag aufs Dach regnen kann. \u00bbKlementinen, pr\u00e4chtige, weihbew\u00e4sserte Klementinen\u00ab, k\u00f6nnte der Obsth\u00e4ndler dann rufen, stattdessen steht er an den Kisten mit den gr\u00fcnen, in steifes Papier eingeschlagenen \u00c4pfeln und starrt auf ein schwarzes Kreuz: Ein String ragt aus dem Hosenbund einer Touristin, die in die Hocke gegangen ist, um ihrer weinenden und die quietschende Gummihaut eines Luftballons einspeichelnden Tochter eine Wassermelonenscheibe gegen die aufgesch\u00fcrfte Kniescheibe zu dr\u00fccken. Die in Papier eingeschlagenen \u00c4pfel leuchten vom Insektenvertilgungsmittel, das Kind schreit, ein Melonenkern klebt ihm auf der Sch\u00fcrfwunde und wird dort unter wei\u00dfem Grind und einem blauen, in Melonenfruchtwasser getr\u00e4nkten Kinderleukoplast den Winter \u00fcberdauern, um fr\u00fchjahrs zu keimen. Der Kassettenspieler dudelt, es musizieren, schon verblichen, Mickey Mouse und Donald Duck. Auf einem gerahmten Andachtsbild h\u00e4lt ein Engel, ein von gr\u00fcnen und rosaroten T\u00fcchern verh\u00fcllter Hermaphrodit mit einem Stern auf der von blonden Locken bekr\u00e4nzten Stirn, seine H\u00e4nde \u00fcber zwei fahlh\u00e4utige, am Rand eines Abgrunds spielende Kinder; Engels H\u00e4nde und Antlitz sind fahl und von aschgrauer Farbe. Kastanien schlagen mit hellem Klang auf die feuchten Pflastersteine. Rote und gr\u00fcne Fruchtgummis in Erdbeer und Waldmeister h\u00e4lt die Alte den Touristenkindern hin, die ihr das von den Eltern zugesteckte Postkartenwechselgeld in den M\u00fcnzbeutel fallen lassen. Ein braungelocktes M\u00e4dchen mit gro\u00dfen, dunklen Augen hat sie zu sich gezogen und singsangt ihm ins Ohr. Neugeborene tragende Bastk\u00f6rbe jagen den Rinnstein hinunter. Ich zerkn\u00fclle das Zuckerp\u00e4ckchen und ziehe den F\u00fcllfederhalter aus seiner Schlaufe am Notizbuch, lege meine Stirn in Falten und ziehe Furchen \u00fcber das steife Papier. Ich sp\u00fcre Keltermanns Blick auf mir ruhen, werde mich aber davor h\u00fcten, ihm zu verraten, dass ich soeben, zwischen Kaffee und Zigarette, diese gichtige Alte habe erfinden m\u00fcssen, weil es hier sonst nichts gibt, das notierenswert w\u00e4re oder mit dem es mir gelingen k\u00f6nnte, das Kind in mir aus seinem Versteck im katholischen Bodenseezeltlager zu locken und ihm schreibend, zwischen Kaffee und Zigarette, auf die Schliche zu kommen. Keltermanns Bitte, die Rechnung zu \u00fcbernehmen, quittiere ich mit einem Nicken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Milchf\u00fc\u00dfen l\u00e4uft eine Frau vorbei. Mein Daumen stolpert \u00fcber die Rille im Porzellan der Kaffeetasse, aus dem Zuckerp\u00e4ckchen rieselt Sand auf die Tischplatte. 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